Andrei Jusufhodzic ist Schiedsrichter aus Wien. Mit seinem Partner Radojko Brkic hat er im letzten Jahr unter anderem bei der EURO 2020 die Spiele zwischen der Schweiz und Portugal sowie zwischen Russland und Dänemark geleitet. Im Interview spricht Jusufhodzic über das Pfeifen in Zeiten von Corona, aber auch den aktuellen Zustand des Schiedsrichterwesens in Österreich. Ein Beitrag von Erwin Prohaska.

Coronabedingt finden Handballspiele derzeit ohne Publikum statt. Inwiefern wirkt sich das auf die Tätigkeit als Schiedsrichter aus? 
Andrei Jusufhodzic: "Am Anfang war es natürlich ungewohnt, ein Spiel ohne Zuseher zu leiten. Es hat sich ein wenig angefühlt, als würde man zu einem Trainingsspiel kommen. Es ist für jede Sportart traurig, wenn die Emotionen von der Tribüne fehlen. Ich muss aber sagen, dass ab dem Zeitpunkt, an dem das Spiel beginnt, mein Fokus voll auf dem Spielgeschehen liegt und ich alles andere ausblende. Natürlich gibt es trotzdem Faktoren, die auffallen. Man hört zum Beispiel Bemerkungen von der Bank, die sonst im Trubel untergehen."

Gab es durch diese Situation häufiger Strafen gegen die Bank? 
Andrei Jusufhodzic: "Ich glaube nicht, dass wir jetzt öfter auf die Bänke reagieren als vorher. Wir sagen bewusst: Solange die Aussagen nicht grob unsportlich sind, versuchen wir die Situation mit einem kurzen Hinweis zu klären. Man nimmt es aber natürlich öfter wahr. Ich denke, da braucht es auch einfach ein bisschen Fingerspitzengefühl."

Inwiefern haben sich An- und Abreise durch die Pandemie verändert? 
Andrei Jusufhodzic: "In den österreichischen Ligen hat sich nicht viel verändert, da man ohnehin am Spieltag an- und abreist. International wird auch weiterhin dafür gesorgt, dass man eine Unterkunft hat. Aufgrund des geringen Flugaufkommens hat man aber weniger Auswahl bei den Flügen, wodurch die Planung etwas schwieriger wird. Auch in dieser Situation gibt es aber positive Aspekte. So ist durch das geringere Reiseaufkommen der Stressfaktor erheblich gesunken. Außerdem ist es natürlich ein Privileg, ein bisschen aus dem Trott des Lockdowns zu entkommen."

In der spusu LIGA wurden vor Weihnachten einige Spiele abgesagt, die jetzt nachgeholt werden müssen. Wie einfach ist diese Situation für die, zumeist nebenamtlichen, Schiedsrichter?
Andrei Jusufhodzic: "Spiele in der spusu Liga werden großteils am Wochenende abgehalten, das ist daher nicht so ein Problem. Sollten die Begegnungen aufgrund der Absagen aber unter die Woche gelegt werden, ist man sowohl in der Firma als auch im privaten Bereich auf das Verständnis anderer angewiesen. Mein Arbeitgeber hat zum Glück großes Verständnis, es war aber auch bei mir Thema in der Firma. International hatten wir auch schon den Fall, dass wir schon im Auto saßen und dann angerufen wurden, dass das Spiel abgesagt wurde."

Gibt es sonst nennenswerte Veränderungen, die Außenstehenden vielleicht nicht auffallen? 
Andrei Jusufhodzic: "Wir haben in Wien normalerweise regelmäßige Trainingseinheiten mit dem gesamten Schiedsrichterteam. Auch, wenn Schiedsrichter nach außen häufig nur als Gespann wahrgenommen werden, hat die Gemeinschaft für uns sehr viel Wert. Leider mussten wir diese Einheiten seit dem ersten Lockdown im März aussetzen. Wir wollten nicht das Risiko eingehen, dass sich alle Schiedsrichter gleichzeitig anstecken und wir damit den Spielbetrieb gefährden. Fortbildungen haben natürlich online stattgefunden, sind für den Zusammenhalt in dieser Form aber natürlich nicht dasselbe."

Wie siehst du den Zustand des Schiedsrichterwesens in Österreich aktuell? 
Andrei Jusufhodzic: "Das ist eine interessante Frage. Ich bin nämlich Schiedsrichterreferent in Wien und damit für die Ausbildung im Landesverband zuständig. Ich glaube, es ist ein ganz großes Thema - nicht nur in Österreich, sondern generell -, dass wir zu wenige Schiedsrichter haben. Für uns ist es sehr schwierig junge beziehungsweise neue Schiedsrichter zu finden. Handball ist eine komplexe Sportart, es ist daher sehr schwierig, Quereinsteiger zu finden. Die meisten haben, zumindest in der Jugend, Handball gespielt. Daher sind an der Basis vor allem die Vereine unsere Rekrutierungsquelle, womit wir sehr von deren Unterstützung abhängig sind. Der zweite wichtige Faktor ist ein positives Umfeld. Man muss jungen Schiedsrichter eine Umgebung bieten, in der sie sich nicht alleine gelassen fühlen. Genau wie die Vereine werden wir, nach dem Ende der Maßnahmen, schauen müssen, wie viele Schiedsrichter wir verloren haben."

Gibt es einen Unterschied in der Linie zwischen nationalen und internationalen Partien? 
Andrei Jusufhodzic: "Ich glaube, es ist ganz wichtig zu wissen, dass die Schiedsrichterkommission in Österreich versucht, die Linie der EHF und IFH möglichst schnell umzusetzen. Hier haben natürlich, allen voran die internationalen Schiedsrichter, die Aufgabe, diese Linie auch in Österreich umzusetzen. Die haben da natürlich auch ein bisschen eine Vorbildwirkung. Es wird oft geglaubt, dass der "internationale Pfiff" härter ist - das ist meiner Meinung nach aber nicht so. Die Spielweise und das Niveau der Mannschaften unterscheiden sich natürlich - ich glaube, das macht den Unterschied."

Gibt es noch ein Wunschspiel auf deiner Liste das du gerne leiten würdest? 
Andrei Jusufhodzic: "Früher habe ich mir oft Gedanken gemacht, wann ich welchen Wettbewerb oder welches Spiel leite. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gesagt habe: "OK, ich mach das wirklich gerne und mach mir jetzt keine größeren Gedanken." Seither läuft es besser. Ob das Zufall ist oder ich einfach mehr Erfahrung gesammelt habe und daher eine bessere Leistung zeige, weiß ich nicht. Wahrscheinlich spielen aber alle Punkte eine Rolle. Wir freuen uns aktuell am meisten über gute Champions-League-Spiele. Alles andere ist Draufgabe. Auch, wenn man es gerne macht, muss man immer bedenken, dass ein Großevent wie zum Beispiel die EM in Österreich organisatorisch für das Privatleben nicht einfach ist." 
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